Du bist schuld!



Das Thema der Schuld ist ein Weitverbreitetes. Immer wieder bin ich damit in meiner Arbeit konfrontiert. Manchmal wird sie offen gezeigt, manchmal versteckt sie sich hinter Loyalität, Hilfsbereitschaft, Verläßlichkeit, Verantwortungsbewußtsein und vielen anderen sogenannten guten Eigenschaften.

Schuld ist im Grunde ein gesundes Gefühl, das in uns hochsteigt, wenn wir etwas wirklich ver******* haben. Sobald wir sie spüren, geht es nicht weiter darum in ihr zu schwelgen, sondern das gerade zu biegen, was wir verursacht haben. Die Sache mit der Schuld ist also eigentlich schnell erledigt.


Doch leider ist ein anderer Umgang mit der Schuld gesellschaftsfähig und das schon seit langer, langer Zeit.

Die Ursprünge des toxischen Umgangs finden sich in einer Verschiebung der Verantwortungsbereiche einerseits und einer Frage, die so gerne gestellt wird: Wer hat Schuld?


Schon bei der Geburt wird das Ungeborene mit Schuld konfrontiert bzw. mit dem Verursachen von unangenehmen Zuständen. Wegen dem ungeborenen Kind muss die Mutter kürzer treten, Einschränkungen in Kauf nehmen und auf so einiges verzichten. Bei der Geburt hat die Mutter wegen dem Kind Schmerzen, eventuell sogar Verletzungen.

Nach der gängigen Praktik in unserer Gesellschaft ist es üblich dem Verursacher des Leids, die Schuld an diesem zu geben. Das neugeborene Baby kommt also schon mit einem Packen Schuld auf diese Welt, bevor es noch seinen ersten Aufschrei gemacht hat. Aus dem unschuldigen Kind wird ein Schuldiges.

Das Kind lernt also schon früh, dass es Schuld an einem Leid eines anderen Menschen hat. Auch am Glück, nur ist Leid leider intensiver und damit prägender und wird sich sein Leben lang damit auseinandersetzen müssen.


Die Verantwortung an den Verursacher abzugeben, ist eine allseits anerkannte Praktik - quasi Usus.

Das haben wir immer schon so gemacht! Und damit ist es legitim.

Meine Klienten sind oft verwirrt, wenn ich ihnen sage, dass Schuld ein Übertragen von Verantwortung ist, an jemanden, den es nichts angeht.


Das magische Dreieck: Leid-Schuld-Verantwortung

Wenn wir leiden, hören wir nicht auf zu leiden, nur weil wir den Verursacher gefunden haben und der Schuld bezichtigen oder? Wir sind nach wie vor sauer, dass wir wegen XY leiden. Das können Personen, Umstände, topographische Gegebenheiten oder das Wetter sein.

Doch Leid ist nicht dazu da, damit wir weiter leiden, sondern um zu lernen damit umzugehen.

Anstatt also nach außen zu gehen und denjenigen zu beschuldigen, der das Leid verursacht hat (=herkömmliche Methode), wäre es sinnvoll dem nachzuspüren dass man leidet (=Wachstums-Methode). Denn Leid zeigt mit seiner Intensität auf eine Wunde, die Heilung braucht. Vergeudet man also nicht die Zeit mit der Suche nach Schuldigen, könnte man direkt zum Kernthema des Problems kommen. Einer ungesunden Lebensweise, einem stressigen Alltag, der Unfähigkeit nein zu sagen usw.


Hier ein etwas banales Beispiel, um es greifbarer zu machen:

Ich leide, wenn mein Haus nicht geschätzt wird. Ich suche und finde dann die Schuld beim Mieter oder beim Haus an sich (ist ja auch schon alt!). Ich suche im Außen, denn so habe ich es gelernt und nebenbei lenkt es mich von meinem inneren - gefährlich wirkenden- Seelenzustand ab. Doch damit gebe ich die Verantwortung für mein Leid (& auch mein Glück) ab. Ich gebe sie jemand anderem oder sogar einem Gegenstand (dem fiesen Haus). Das entmächtigt mich und macht mich zum Opfer der Umstände.

Um in meine Eigenermächtigung zu kommen, muss ich meine Verantwortung wieder zurück zu mir nehmen. Dazu beende ich die Suche nach Schuldigen und wende ich mich meinem Leid zu. Denn es ist meine Antwort auf eine Wunde, die Heilung braucht.

Wie reagiere ich, was fühle und spüre ich, welches Selbstbild/Ego wird hier attackiert? Warum bin ich so getroffen, wenn jemand Nein zu meinem Haus sagt?

Die Innenschau beginnt. Oft gibt es hier Verdrehungen, wie in meinem Fall, in denen ich das Haus mit mir gleichsetze. Und eine Wunde aus der Kindheit kommt hoch, als zu mir nein gesagt wurde. Diesen Schmerz, habe ich damals nicht verarbeiten können, aber heute kann ich das schon. Heute kann ich die Realität von der Interpretation trennen. Natürlich tut es noch weh, aber es zerstört mich nicht. So lerne ich mit jedem Leid eine Wunde aus der Kindheit oder Vergangenheit kennen und kann sie ins Licht - ins Bewußtsein bringen. Damit beginnt die Transformation. Bleibe ich nun aufrecht und zentriert bei mir, während ich dem Gefühl des Schmerzes neutral Raum gebe, so verwandelt er sich in pure Lebensenergie.

Und diese Energie macht mich wieder machtvoller und erwachsener, denn ich habe wieder die Verantwortung für mein Fühlen übernommen.


Zurück zur Geburt: Also schon in der frühen Kindheit reifen wir mit dem Gefühl der Schuld heran. Wir können sie noch nicht verorten oder benennen, eben so wenig können wir sie transformieren. Sie ist latent da und mit dem Heranwachsen lernen wir sie verstehen und lernen damit auch, dass uns für etwas die Verantwortung gegeben wird, die eigentlich nicht uns gehört. Wir lernen uns als mächtig wahrzunehmen und fähig jemand anderen zu zerstören oder zu beglücken. Und je nach Neigung oder Umständen benutzen wir das dann. So bleibt das Spiel rund um die Schuld mit Täter und Opfer im Gange. Familiäre Konflikte basieren darauf, genauso wie große Kriege. Wir brauchen nur zu fragen wer hat Schuld und das ewige Schuld-Karussell dreht sich. Gibt es ein Ende? Nein, denn es wird nichts transformiert.


Im Alltag zeigt sich diese alte unerlöste Schuld oft in einer Ausweich- oder Wiedergutmach- Strategie.

Menschen, die keine Verantwortung übernehmen wollen, weil sie ja dann Schuld haben könnten an den Konsequenzen der Entscheidungen. Menschen, die es allen recht machen wollen.

Menschen, die die Interessen anderer über ihre eigenen stellen, um andere nur ja nicht unglücklich zu machen. (Lieber mich selber, als die anderen!)

So ein Verhalten wird zwar oft als edel und hehr belobigt, aber es ist durchwegs ungesund.


Blick aus der höheren Perspektive

In diesem Leben sind wir als Individuum mit unterschiedlichen (individuellen) Talenten und Potentialen auf die Welt gekommen. Es ist also die Aufgabe eines jeden Einzelnen, seine Talente zum Ausdruck zu bringen, um sie zum Wohle der Gemeinschaft einzubringen. Verleugne ich aber meine Individualität, so erfülle ich nicht meinen höchsten Seelenplan.

Die Verantwortung für unser Leben gehört allein uns und wir sollten sie auch ergreifen und ernst nehmen. Wer sonst kann so gut für uns sorgen als wir. Dazu gehört weder anderen Schuld zuzuweisen, noch sie von anderen anzunehmen. Es ist eine Frage der Abgrenzung und der Verantwortung.


Und zu guter Letzt ein Appell in Namen aller Kinder: Eltern, die Kindern die Schuld geben, sollten dies als Alarmsignal sehen und schnellstens eine Innenschau machen, anstatt diese kleinen, zugegeben oft anstrengenden, Wesen mit Problemen oder Schuld zu konfrontieren, die nicht dorthin gehören. Deine Hilflosigkeit, deine Ängste, dein Schmerz gehören zu dir, ungeachtet des Verursachers. Würde ich neue Gebote schreiben, so wäre dies das erste:

Das erste Gebot:

Du sollst nicht die Schuld an deinem Unglück oder Glück anderen zuschreiben, übernimm die Verantwortung für dich und dein Leiden, transformiere es und lass andere damit in Ruhe.


Zukunftsaussichten

Wie würde eine Zukunft ohne Schuldzuschreibung aussehen? Spannend! Gäbe es dann Gefängnisse? Wie würden Konflikte ausgetragen? Gäbe es Kriege? Wie würden unsere Kinder heranwachsen? Was für Potentiale würden in ins frei werden? Welche Bereicherungen für die Gesellschaft gäbe es?







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