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Selbstkorrektur

Eine weitverbreitete Disziplin in unserer Gesellschaft ist die Selbstkorrektur. "Oh da war ich aber etwas laut, da sollte ich lieber leiser sein!" Ihr Pendant ist die Fremd-Korrektur. "Oh, kannst du bitte nicht so laut sein, damit es mir besser geht?"


SIND WIR FEHLERHAFT?

Mir geht es ja immer darum Automatismen aufzudecken und ins Bewusstsein zu bringen. In diesem Fall geht es um einen gängigen Mechanismus, den wir alle kennen, aber kaum merken, dass wir ihn verwenden.

Er liegt dem Bild zugrunde, dass wir alle fehlerhaft sind und noch viel an uns arbeiten müssen, um ganz? erwachsen? ein guter Mensch? zu werden. Spätestens in der Schule wurde uns das eindringlich beigebracht. Wir waren zu dumm, zu langsam, zu laut, zu faul, zu schwerfällig, zu zappelig, zu goschert, usw. Wer es bis dahin geschafft hat sich als perfektes Wesen zu erleben, wurde hier eines Besseren belehrt. Wir wurden in unserem Sein korrigiert.


Korrigiert werden ist nicht fein und löst unterschiedliche Gefühle in uns aus: Demütigung, das Gefühl zu versagen, Erwartungen nicht zu erfüllen, schlechtes Gewissen, Gefühl von Wertlosigkeit, Minderwertigkeit uvm. Um das nicht wiederholt erleben zu müssen, haben wir das System der Korrektur verinnerlicht (wir sind ja nicht dumm!) und haben es gegen uns selber angewandt. Denn wenn ich nur mehr lernen muss, damit alle mit mir zufrieden sind, dann lerne ich halt mehr.

Wenn ich ruhiger sein soll, damit ich niemanden störe, dann nehme ich mich halt zurück.

Wenn ich dünner bin, dann nehme ich halt ab oder kaschiere meinen Bauch.

Hinter jedem dieser Beschlüsse steht eine Angst vor einem unangenehmen Gefühl, dem man nicht begegnen will. Dass man etwa die Scham nicht treffen will vor der Tafel zu stehen und das Beispiel nicht lösen zu können. Blöd nur wenn das nicht klappt. Das sind dann die Kinder die aufgeben, weil egal was sie tun, es ist eh nie genug. Dazu gibt es einen eigenen Blog.


Wenn meine Klienten zu mir kommen, sind sie voll bereit sich zu ändern. Und wenn ich ihnen dann sage, dass sie doch eigentlich perfekt sind, wischen sie das weg und wollen endlich damit beginnen sich zu korrigieren.

Der Vorteil an einer Selbstkorrektur liegt natürlich auf der Hand: Wenn ich nimmer so dick bin, muss ich nimmer die Scham oder Verachtung spüren, wenn ich in den Spiegel schaue.

Wenn ich mich mehr anstrenge, muss ich nicht spüren ein Versager zu sein.

Wenn ich alle liebe, dann geht mir niemand mehr am Zeiger und ich muss nicht spüren, dass sie mir am Zeiger gehen und ich dann nicht mehr so heilig bin wie ich es gerne sein will.


Aus dem Leben:

Ich bin kürzlich beim Yoga in diese Falle getappt. Ich glaube von mir ein gewisses Level an Achtsamkeit zu haben und ein offenes Herz für Verhaltens-Muster aller Art. Also sitze ich da in der Yoga Klasse und stimme mich ein, als eine aufgebrachte Lehrerin hereinstürzt und sich über den zugewiesenen Raum, die zu geringe Anzahl der Gurte und Blöcke und die Anzahl der Anmeldungen auskotzt, um dann erst 10 Minuten später zu beginnen. Und obschon ich bereits einen gewissen Ärger verspürt habe, habe ich ihn gütig hinweggeschoben. Denn ich kann ja alle Menschen so annehmen, wie sie sind (SELBSTKORREKTUR). Dazwischen hat eine Teilnehmerin uns über ihre Unsportlichkeit sowie ihre diversen Leiden aufgeklärt, jeder Übung kommentiert und uns über ihren Impfstatus informiert. Ratet mal wie ich dort in der Stunde gesessen bin?

Richtig! Ich war ein Abbild von Reinheit und Erhabenheit. Meinen Ärger habe ich korrigiert (im Rücken geparkt) und ich bin nach der Yoga Stunde verspannter heimgekommen als zuvor.

Irgendwas ist hier im Busch, das wusste ich schon, aber was, wusste ich noch nicht.

Es brauchte noch 1 Stunde, um zu schnallen was abläuft. Ich habe mich Selbst korrigiert. Anstatt den Ärger und meine "Angepisstheit" zu spüren, wollte ich den Short-Cut nehmen und gleich im Frieden mit allem sein.


Wie ihr seht die Selbstkorrektur ist leise und unauffällig. Aber sie lauert an den Ecken, wo es um unser Selbstbild geht und dieses ins Wanken kommt.


WELCHE STRATEGIE IST DEINE?

Wenn wir einen Konflikt begegnen, haben wir meist 2 Strategien:


Strategie 1: Vermeiden

Das braucht keine lange Erklärung. In meinem Fall würde ich Zusammenkünfte wie diese Yogastunden vermeiden und mich nur noch mit Menschen umgeben, die ich leicht annehmen und bedingungslos lieben kann. Allerdings schränkt das meine sozialen Kontakte auf 5 Menschen und 2 Hunde ein.

Keine Strategie, die ich empfehlen würde.


Strategie 2: Korrektur

Ich versuche mich zu ändern, mich anzupassen, mir im Geiste zu erklären wieso auch der schrägste, lästigste, unachtsamste Trampel liebenswert ist. Ich schicke ihm Liebe und Licht und hülle ihn in eine rosa Wolke ein. Ich gehe shoppen um schöner zu sein, richte meine Wohnung neu ein um eine besserer Mensch über meine Wohnung zu werden oder buche den nächsten How to blabla - Kurs.

Auch diese Strategie empfehle ich nicht, denn sie ist nichts anderes als ein Ablenkmanöver bzw. Selbstverleugnung im Namen der Selbstkorrektur.


Was also tun?

So einfach, so schwer: Das spüren was da ist. FRUST. Und wie alle meine Klienten bereits wissen. Nein es geht nicht darum den anderen dann zu zeigen wie sehr sie einen am Nerv gehen, wie unmöglich man sie findet und ihnen erklärt wie sie eigentlich zu sein haben. Es geht lediglich darum den Frust, die "Angepisstheit" zu spüren und ihr Raum zu geben im Körper. Sie fließen zu lassen, anstatt sie im Rücken oder sonstwo festzuhalten.


SELBSTANNAHME VERSUS SELBSTKORREKTUR

Denn was passiert dann? Dann nehme ich mich an, so wie ich gerade bin. Frustriert, genervt, gar nicht heilig. Aber so bin ich eben gerade in diesem Moment. Und in dem Moment in dem ich mir erlaube so zu fühlen, wie ich fühle und diese Gefühle nicht bewerte, stelle ich mich hinter mich. Ich stärke mir den Rücken und das wiederum stärkt mein Selbstvertrauen.

Ich bin im Fluss mit mir. Es gibt keine "schlechten oder "negativen" Gefühle. Alle Gefühle sind einfach nur das was ich fühle. Wie ich sie ausdrücke, kann dann eventuell negativ sein oder schlecht enden.


Also mein Rat: Das nächste Mal, wenn du das Gefühl hast anders sein zu sollen also du bist, dann lass dich mal für einen Moment in Ruhe. Spüre das was gerade da ist und bleib bei dir. Du darfs Wut, Zorn sogar Hass oder Verachtung spüren. Das ist völlig okay, weil es da ist, sonst wäre es ja gar nicht da oder? Eben! Und erst wenn du mit deinem Gefühl in Frieden kommst, schaust du ob was zu tun ist.



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